Halo-Effekt: Warum wir andere nicht objektiv beurteilen können

Beitrag
teilen
Share on facebook
Share on linkedin
Share on xing
Share on twitter
Beitragsbild Halo-Effekt

„Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck“ – so lautet ein bekanntes Bonmot. Das stimmt auch sicherlich, allerdings trägt man selbst dazu nur bedingt bei. Denn neben dem eigenen Auftreten, dass man vielleicht noch zu einem Teil beeinflussen kann, spielen auch sogenannte psychologische Verzerrungen oder Biases eine Rolle. Der Halo-Effekt ist einer davon. Und was es damit auf sich hat, erkläre ich dir jetzt…

Halo-Effekt: Was versteht man darunter?

Der Halo-Effekt ist eine typische psychologische Verzerrung und gehört daher zu den Biases. Klingt zunächst kompliziert, wird aber gleich verständlicher, wenn wir uns die Wortbedeutung genauer ansehen:

Der Wortbestandteil „Halo“ stammt ursprünglich aus der griechischen Sprache und bezeichnet den Lichtkranz, den man um Sonne und Mond beobachten kann. Daher bedeutet „Halo“ im Englischen auch einfach Heiligenschein. Und die Strahlkraft dieses Heiligenscheins ist tatsächlich der Knackpunkt des gesamten Halo-Effekts.

Denn von einem Merkmal, das besonders dominant oder offensichtlich ist, lassen wir uns täuschen. Dadurch werden in der Folge alle anderen Merkmale eines Menschen oder auch einer Sache „überschattet“ oder besser, überstrahlt.

Beispiel für den Halo-Effekt

Beispiel: Du weißt von deinem Kollegen, dass dieser besonders gerne läuft und schon hin und wieder an einem Marathon teilgenommen hat. Kommt nun das Gespräch in der Pause aufs Schwimmen, wirst du vermutlich sofort an den Läufer-Kollegen denken. Dabei haben Laufen und Schwimmen überhaupt nichts miteinander zu tun. Im Gegenteil, wer gut laufen kann, mag es vielleicht überhaupt nicht zu schwimmen – das ist der Grund, warum diese Person eben läuft und sich so fit hält. 

Aber nicht nur das. Der Halo-Effekt führt auch dazu, dass wir Personen Eigenschaften zuschreiben, die sie gar nicht haben. Auch dazu ein Beispiel: Frau Müller findet Frau Meier sympathisch. Nun mag Frau Müller ganz besonders diejenigen Menschen, die tierlieb sind und sich auch in ihrer Freizeit für Tiere einsetzen. 

Die Folge: Frau Müller wird davon ausgehen, dass auch Frau Meier tierlieb ist – obwohl sie das gar nicht ist. Unterbewusst wird Frau Meier diese Eigenschaft zugeschrieben, ohne dass sie Andeutungen in dieser Art und Weise gemacht hat.

Allein wegen des Halo-Effekts geht Frau Müller davon aus, dass sympathische Menschen gleichzeitig die gleichen Vorlieben und moralischen Grundsätze wie sie haben. Ob das etwas mit der Realität zu tun hat, ist zunächst zweitrangig. 

Der Halo-Effekt hängt also auch davon ab, was uns wichtig ist und was wir als positiv beurteilen. So könnte man fast schon sagen, dass der Halo-Effekt eine ganze Menge über uns aussagt  – jedenfalls mehr als über die vermuteten Eigenschaften anderer Personen. 

Weitere Ausprägungen des Halo-Effekts

So kommt es zu ganz häufigen Vorteilen und Fehleinschätzungen, die du vielleicht auch kennen wirst:

  • Dicke Menschen gelten als gesellig und lustig.
  • Personen, die eine Brille tragen, werden als belesen und/oder intelligent wahrgenommen.
  • Attraktiven Personen wird zugeschrieben, erfolgreicher zu sein als andere.
  • Schlanken Menschen schreiben wir zu, dass sie sich gesund ernähren und vielleicht sogar sportlich sind.
  • Männer, die Anzug tragen, haben ein großes Selbstbewusstsein und sind beruflich erfolgreich.
  • Personen, die gerne vor einer großen Menge sprechen, trauen wir mehr Führungskompetenz zu.

Halo-Effekt erfolgreich

Die Folgen des Halo-Effekts

Diese Beispiele klingen zunächst vielleicht nicht wirklich schlimm, denn scheinbar hat dieser psychologische Kurzschluss keine weiteren Konsequenzen. Wer sich allerdings eingehender mit dem Thema befasst, merkt schnell, dass das nicht für alle Zusammenhänge gilt.

Denn die Verzerrung der Wirklichkeit, die mit dem Halo-Effekt einher geht, kann immense Auswirkungen haben. Der Halo-Effekt führt nämlich auch dazu, dass wir Personen systematisch falsch beurteilen. 

Für Menschen, die ein äußert positives Merkmal aufweisen können, ist der Halo-Effekt vielleicht noch erfreulich. So schreiben wir diesen Menschen nämlich automatisch weitere positive Eigenschaften zu. Aber nicht nur das: Menschen, die positiv auffallen, sind auch erfolgreicher als andere. 

Horn-Effekt: Gegenteil des Halo-Effekts

Für Personen dagegen, die nicht mit einem alles übertreffenden positiven Merkmal beeindrucken können, sind das schlechte Nachrichten. Der Halo-Effekt hat nämlich auch eine Kehrseite. Dieser Effekt wird auch Horn-Effekt oder Teufelshörner-Effekt genannt und ist so ziemlich das Gegenteil des Halo-Effekts. 

Hierbei ist es eine schlechte Eigenschaft oder ein negatives Merkmal, das dazu führt, dass die gesamte Person negativ beurteilt wird. Bewerber, die beispielsweise ein Bewerbungsfoto in ihrer Bewerbung nutzen, auf dem sie eher unsympathisch aussehen, werden es in der weiteren Bewerbung schwer haben.

Denn ganz unterbewusst wird dieser erste, negative Eindruck, den gesamten weiteren Prozess überschatten. Die mögliche Konsequenz: Das Vorstellungsgespräch verläuft schleppend und eher suboptimal. Am Ende erhält der eigentlich geeignete und motivierte Bewerber eine absage, obwohl er den Job gut gemacht hätte.

Unternehmen lassen sich damit gute Bewerber und Arbeitskräfte entgehen und entscheiden sich für Mitarbeiter, die nicht ganz zu geeignet sind, aber mit einem positiven Merkmal überzeugen können. 

Die Geschichte des Halo-Effekts

Erstmals beschrieben wurde der Effekt schon vor einiger Zeit. Nämlich im Jahr 1907 von Frederic L. Wells. Jedoch stellte Wells noch keine weiteren Nachforschungen oder Untersuchungen zu dem Thema an.

Das machten erst Edward Lee Thorndike und Gordon Allport ein paar Jahre später. Beide Forscher unternahmen einige psychologische Experimente, um die Auswirkungen des Heiligenschein-Effekts näher zu untersuchen. 

Die Experimente liefen zum großen Teil während des Ersten Weltkriegs und so war es nur naheliegend, dass Offiziere und Soldaten zu dem Gegenstand der Untersuchung wurden. Beide Forscher ließen Offiziere die ihnen untergebenen Soldaten nach bestimmten Merkmalen bewerten. Dazu gehörten:

  • Kondition
  • Führungsqualität
  • Intelligenz
  • Charakter
  • Musikalität
  • Leistungsfähigkeit
  • Zielgenaues Schießen

Das erstaunliche Ergebnis der Untersuchung: Soldaten, die sich in einem Merkmal positiv hervortaten, wurden automatisch auch in anderen Bereichen überdurchschnittlich oder zumindest gut bewertet.

Konkret: Soldaten, die besonders leistungsfähig waren, wurden auch als intelligenter und charakterlich stark bewertet. Sogar solche derart weit hergeholten Eigenschaften wie Musikalität wurden diesen Soldaten überproportional häufig zugeschrieben.

Was lehrt uns das? Aufgrund des Halo-Effekts wird eine wirklich objektive Beurteilung einer Sache oder einer Person nahezu unmöglich. Wir interpretieren unsere Erfahrungen eben immer auf der Grundlage unserer Vorlieben. Im schlimmsten Fall führt das dazu, dass wir Betrügern auf den Leim gehen.

Hier wird der Halo-Effekt zu einem Problem

Den falschen Bewerber zum Vorstellungsgespräch einzuladen, weil dieser zufällig ein Bewerbungsfoto auf seinem Lebenslauf hatte, das wir sympathisch finden, ist eine Sache. Schlimmer wird das Ganze aber, wenn wir uns durch den Halo-Effekt zu Dingen verleiten lassen, die wir bei objektiver Betrachtung nicht getan hätten. 

Wird besagter Bewerber nämlich eingestellt, obwohl er für die Stelle ungeeignet ist, führt das über kurz oder lang zu Kosten im Unternehmen, die keiner braucht. Denn Mitarbeiter, die die Anforderungen der Stelle nicht erfüllen können, werden demotiviert, fehlen häufiger und kosten das Unternehmen unnötig Geld.

Umgekehrt kann das Halo-Effekt aber auch dazu führen, dass wir nachlässiger Kunden gegenüber werden. Wenn der erste Eindruck aus irgendeinem Grund nicht stimmt, überstrahlt das das gesamte weitere Verhältnis. Dabei kann dieser vermasselte erste Eindruck auch nur daran liegen, dass uns dieser psychologische Wahrnehmungsfehler unterlaufen ist. 

Es kommt aber noch schlimmer: Betrüger, die um den Halo-Effekt und seine Folgen wissen, können ihn geschickt einsetzen. Denn der Wahrnehmungsfehler läuft zum überwiegenden Teil unterbewusst ab. Das bedeutet eben auch, dass wir uns nur sehr schwierig dagegen wehren können.

Meister der Verstellung haben es daher bei einigen Menschen relativ leicht, sie hinters Licht zu führen. Denn ein geschickt eingesetztes positives Merkmal führt dazu, dass wir uns täuschen lassen. Besonders dann, wenn wir den Halo-Effekt nicht kennen oder nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen.

Zusatzgrafik Halo Effekt

Das hilft gegen den Halo-Effekt

Höchste Zeit, sich mit Hilfsmitteln in Bezug auf den Halo-Effekt zu beschäftigen und sich im besten Fall so gegen die Wahrnehmungsverzerrung zu wappnen:

  1. Entscheidungen nachvollziehbar machen: Um nicht der psychologischen Verzerrung zu erliegen, solltest du deine Entscheidungen so objektiv wie möglich treffen. Das klingt in den meisten Fällen einfacher, als es ist. Denn gerade bei Dingen, die schnell entschieden werden müssen, verlassen wir uns häufig auf unsere eigenen Glaubenssätze und fallen damit schneller dem Halo-Effekt zum Opfer. Versuch daher wenigstens bei wirklich wichtigen Entscheidungen und Dingen, deine Beurteilung anhand objektiver Kriterien zu treffen. Diese Kriterien solltest du für dich klar machen und am besten notieren. Vor jedem wichtigen Entschluss schaust du dir deine Kriterien an und überprüfst, ob du dich an alle gehalten hast. Unter Umständen wirst du schon jetzt bemerken, dass du dich mehr von deinen Gefühlen hast leiten lassen. 
  2. Mehr-Augen-Prinzip anwenden: Personaler nutzen dieses Prinzip gerne, wenn es um die Einstellung eines neuen Kanditen geht. Aber auch bei so „profanen“ Angelegenheiten wie einer korrekt geschriebenen E-Mail bietet sich dieses Prinzip an. Denn vier Augen sehen eben mehr als zwei. Was auch dazu führt, dass Fehler aufgrund des Halo-Effekts vermieden werden. Denn dein Kollege wird vielleicht andere Vorteile im Kopf haben, die bei ihm wirken und kann dich so auf deine hinweisen. 
  3. Überzeugungen überprüfen: Du kannst dich zu einem guten Teil gegen den Halo-Effekt wehren, wenn du deine Vorteile und Überzeugungen kennst. Auch das ist natürlich keine Angelegenheit, die du mal eben schnell zwischendurch erledigen kannst. Wenn du aber Zeit investierst und dir wirklich darüber im Klaren bist, auf welche Art von „Heiligenschein“ du anspringst, wirst du einfacher objektive Entscheidungen treffen können. Ruf dir dabei auch immer wieder ins Gedächtnis, dass eine einzelne Eigenschaft noch keine Persönlichkeit ausmacht – und zwar sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht. 

Weitere Beiträge zum Thema

Die 5S-Methode: Mit diesen Schritten endlich Ordnung schaffen

Eisenhower-Prinzip: Prioritäten richtig setzen

Halo-Effekt: Warum wir andere nicht objektiv beurteilen können

So geht motivierende Gesprächsführung!

ABC-Analyse: So nutzt du das Tool für dein Unternehmen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Willst du mehr verkaufen?

Mein Name ist Dirk Kreuter, und ich helfe Unternehmern zu mehr Verkäufen. Stellt sich nur die Frage: “Deinem auch?”

Über Dirk Kreuter

Dirk Kreuter ist einer der einflussreichsten Vordenker zu den Themen Vertrieb, Verkauf und Akquise, sowohl online wie offline. Er hält schon seit 1990 begeisternde Vorträge und ist Autor von über 50 Büchern & Hörbüchern.

Willst du mehr verkaufen?

Mein Name ist Dirk Kreuter, und ich helfe Unternehmern zu mehr Verkäufen. Stellt sich nur die Frage: “Deinem auch?”

Willst du verkaufen lernen?

Erhalte jetzt regelmäßig wertvolle Tipps